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Mediale Zeugenschaft als moralische Praxis. Wechselwirkungen zwischen Medienberichterstattung und historischen Traumata

01.11.2025

Abstract

Der Text untersucht die ethische Ambivalenz medialer Kriegsberichterstattung im Spannungsfeld von Zeugenschaft, Erinnerung und Trauma. Ausgehend von der gegenwärtigen Bild- und Nachrichtenpraxis wird gezeigt, wie Medien nicht nur aktuelle Gewalt sichtbar machen, sondern zugleich historische Traumata reaktivieren und formen. Anhand der Ukraine-Berichterstattung (u. a. Marlis Prinzing) sowie ikonischer Kriegsbilder wird die prekäre Balance zwischen notwendigem Mitgefühl, kritischer Distanz und der Gefahr ästhetischer Überhöhung analysiert. Mit Rückgriff auf Andreas Maerckers Traumaforschung und Paul Ricœurs Theorie von Erinnern und Vergessen argumentiert der Text, dass sowohl exzessive Wiederholung als auch beschweigendes Weglassen retraumatisierend wirken können. Gefordert wird eine kritische Erinnerungspraxis, die Leid weder spektakularisiert noch neutralisiert, sondern historisch informiert, sensibel vermittelt und auf geteilte Verantwortung zielt. Mediale Zeugenschaft erscheint so als moralische Praxis, deren Legitimität sich an der Fähigkeit misst, Trauma zu bezeugen, ohne es zu instrumentalisieren.

Essay

In der medialen Gegenwart des Krieges – jenem flackernden Zwischenraum aus Bildschirmen, Schlagzeilen und fragmentierter Zeugenschaft – wird Geschichte nicht nur erinnert und gegenwärtig gemacht, sondern auch verwundet. Medien, die uns vermeintlich Zugang zur Welt eröffnen, führen uns zugleich zurück in die Sedimente kollektiver Erinnerung, in denen Worte und Bilder zu Katalysatoren historischer Traumata gerinnen. In ihnen erklingen nicht nur die Schreie der Gegenwart, sondern die unerlösten Echos vergangener Gewalt. Die ethische Frage lautet daher nicht mehr lediglich, wie berichtet wird, sondern welche Art von Erinnerung dadurch entsteht – und welchen Preis sie fordert.

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Marlis Prinzing macht dies in ihrer Analyse der Ukraine-Berichterstattung sichtbar. Sie diagnostiziert eine fragile Balance zwischen notwendiger Zeugenschaft und einer Tendenz zur emotionalen Überidentifikation – einer Überhöhung des Wir-Gefühls, die Empathie in moralische Selbstvergewisserung verwandeln kann (Prinzing, 2024, 253). Dort, wo Solidarität zur normativen Pflicht wird, drohen kritische Stimmen zu verstummen und Schwarz-Weiss-Denken die komplexe Realität zu überblenden (Prinzing, 2024, 251 f.). Gleichwohl würdigt Prinzing jene journalistischen Gesten, die Mitgefühl zeigen, ohne die notwendige Distanz einzubüssen – Korrespondent*innen, die ihre Entscheidungen zur Veröffentlichung traumatischer Bilder transparent machen und menschliche Nähe nicht als Regelbruch, sondern als moralischen Akt begreifen, wie etwa in der Berichterstattung über die Flucht aus Irpin über eine gesprengte Brücke (Prinzing, 2024, 250). Doch diese Ambivalenz lässt sich nicht neutralisieren. Medien fungieren zugleich als Gedächtnisarchiv und ästhetische Apparatur: Sie konservieren Leid, indem sie es sichtbar machen, und sie formen es, indem sie es rahmen – bisweilen so, dass aus dokumentierter Gewalt eine ästhetische Erfahrung wird.

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In dieser Doppelbewegung liegt ihre Macht wie ihre Gefahr. Medien können Erkenntnis stiften und kollektive Erinnerung strukturieren; ebenso können sie Wahrnehmung vernebeln, Empathie überreizen oder historische Wunden erneut aufreissen. Sie sind Instrumente der Aufklärung und der Irritation zugleich – bildend, aber auch verstörend, und gerade deshalb ethisch heikel in ihrem Zugriff auf das menschliche Leid.

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Besonders sichtbar wird diese Spannung in den ikonischen Fotografien des Krieges. Die Bilder der erschossenen Familie von Irpin – „schwer auszuhalten, aber wichtig“ (Prinzing, 2024, 250) – verwandeln Tod in visuelle Evidenz: notwendige Beweise für Kriegsverbrechen, zugleich Spiegel einer globalen, mitunter narzisstisch gefärbten Anteilnahme (Prinzing, 2022). Und wenn Olena Selenska in der Vogue vor Trümmern posiert (Donadio, 2022), entsteht der Eindruck eines kalkulierten, doch nur partiell überzeugenden Versuchs, das Bild zur Allegorie nationaler Resilienz zu überhöhen – Würde, die der Verwüstung standhält. Gleichzeitig jedoch lagert sich eine subtile ästhetische Codierung von Verletzbarkeit ein: ein Bildakt, der nicht nur Trauma exponiert, sondern Gefahr läuft, es zu stilisieren und damit in ornamentale Bedeutung zu verwandeln. Gerade hier zeigt sich die prekäre Position visueller Medien, die stets auf einer schmalen Schwelle balancieren – zwischen Zeugenschaft und Verführung, ethischem Anspruch und ästhetischer Verlockung.

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Dass solche Darstellungen historische Wunden berühren, zeigt Andreas Maerckers Forschung in aller Schärfe. Die Traumaerfahrung des sowjetischen totalitären Repressionssystems wirkt psychisch und sozial fort – in Misstrauen, Angst, politischer Ohnmacht und dem bitteren Bewusstsein, dass Täter öffentlich rehabilitiert wurden, während Opfer schwiegen oder zum Schweigen gebracht wurden. Diese Traumata sind keine individuellen Narben, sondern kollektive und intergenerationale Erschütterungen, die sich in Momenten neuer Gewalt reaktivieren. Historisches Trauma ist ein elektrischer Reststrom im Gedächtnis, der durch aktuelle Bilder nicht erzeugt, sondern zum Schwingen gebracht wird (Maerckers, 2023). Medien, die schockieren wollen, können so zu unbeabsichtigten Auslösern werden: Sie öffnen alte Wunden, statt neue Möglichkeiten des Sprechens zu schaffen – und stärken jene Komplizenschaft des Schweigens, die lange herrschte, weil Worte sich vor dem Ungeheuerlichen zurückzogen.

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An dieser Nahtstelle entfaltet Paul Ricœurs Theorie des Erinnerns und Vergessens ihre eigentliche Tragweite. Ricœur knüpft an zwei bereits in der Antike verankerte Bedeutungsdimensionen des Vergessens an. Die erste beschreibt das bewusste Erinnern, das eine vergangene Begebenheit vergegenwärtigt und damit eine Repräsentation des Gewesenen schafft. Die zweite verweist auf eine mechanische oder dynamische Wiederkehr des Gedächtnisses – eine passive oder aktive Wiederholung, die als affektive Spur in der Seele des Subjektes weiterwirkt und sich gegen dessen Willen aktualisiert (Ricœur, 2005, 302 f.).

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Ricœur warnt eindringlich davor, Erinnerungskultur in moralische Routine übergehen zu lassen. Nicht jede Wiederholung schützt vor Gewalt; manche verfestigt sie. Die Traumatisierung des Gedächtnisses entsteht sowohl durch ein Zuviel als auch durch ein Zuwenig des Erinnerns (Orth, 2001). Medien, die traumatische Bilder unablässig wiederholen, riskieren, das Leiden in eine dauerhafte Form des Schmerzes einzuschreiben. Medien, die aus vermeintlicher Schonung schweigen, riskieren hingegen, das Trauma aus dem moralischen Horizont zu verdrängen. Zwischen der retraumatisierenden Überwältigung und der gefährlichen Amnesie liegt folglich die Aufgabe einer kritischen Erinnerung: nicht die blosse Reproduktion des Leids, sondern dessen Übersetzung in eine Form, die Verantwortung ermöglicht und Zukunft öffnet.

 

Hier berühren sich Maerckers und Ricœurs Perspektiven in produktiver Weise. Maercker betont jene historische Tiefenschärfe, ohne die sich die Dynamik traumatischer Erfahrungen weder angemessen erfassen noch verantwortungsvoll einordnen lässt (Maerckers, 2023). Ricœur verlangt eine kritische und ausgewogene Erinnerungskultur, die zwischen Distanz und Vertrauen balanciert (Orth, 2001). Beide denken Heilung nicht als Vergessen, sondern als reflektierte Erinnerung – als Arbeit, die Trauer zulässt und die Schuld benennt. Was dabei gefragt ist, ist eine Hermeneutik der Sensibilität: das Bewusstsein, dass Bilder affizieren, dass Worte performieren, dass Zeugenschaft nicht automatisch Tugend ist, sondern Haltung verlangt. Medien dürfen nicht – im Namen der Aufklärung oder des Mitgefühls – zum zweiten Täter werden: nicht durch Schweigen, nicht durch Sensationalisierung, nicht durch ästhetische Sublimierung des Schreckens.

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So verstanden ist Kriegsberichterstattung eine Form moralischer Praxis. Sie dient einem Gedächtnis, das nicht konserviert, sondern prüft. Sie ergreift nicht Besitz, sondern begleitet. Sie vereinnahmt das Leid nicht, sondern übersetzt es in die Möglichkeit geteilter Verantwortung.

Eine solche Berichterstattung muss, wie Ricœur hervorhebt, kritische Distanz mit Trauerarbeit verbinden (Orth, 2001). Zugleich muss sie, wie Maercker zeigt, historisch informiert bleiben, um jene nicht erneut zu verletzen, deren Wunden älter sind als die gegenwärtige Gewalt (Maercker, 2024).

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In diesem Sinne ist die mediale Zeugenschaft ethisch dann gerechtfertigt, wenn sie weder Denkmal noch Spektakel erzeugt, sondern eine fragile Brücke schlägt: zwischen Leid und Sprache, Trauma und Öffentlichkeit, Erinnerung und jenem notwendigen, ernsten Vergessen, das nicht Leugnung bedeutet, sondern Möglichkeit. Denn erst dort, wo Trauma nicht als Bild verbraucht, sondern als Verantwortung geteilt wird, beginnt jene Zukunft, die nicht in Wiederholung oder Schweigen liegt, sondern in der offenen, verletzlichen Arbeit eines Gedächtnisses, das heilt, indem es bezeugt, ohne zu instrumentalisieren.

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Literaturverzeichnis

Donadio, Rachel (2022): «Olena Selenska, First Lady der Ukraine: Ein Portrait des Mutes». Voge Germany, https://www.vogue.de/lifestyle/artikel/olena-selenska-first-lady-ukraine-portrait-des-mutes-interview Letzter Zugriff 01.11.2025

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Maercker, Andreas (2023): «How to deal with the past? How collective and historical trauma psychologically reverberates in Eastern Europe». Front. Psychiatry 14:1228785. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2023.1228785

 

Orth, Stefan (2001): «Rätselhaftes Gedächtnis. Paul Ricoeurs Thesen zu Erinnern und Vergessen». Herder Korrespondenz 55, 2/2001, S. 80-85  https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2001/2-2001/raetselhaftes-gedaechtnis-paul-ricoeurs-thesen-zu-erinnern-und-vergessen/ Letzter Zugriff: 01.11.2025

 

Prinzing, Marlis (2024): «Das Unbehagen an der Ukraine-Berichterstattung – Acht Beobachtungen». In: M. Löffelholz, K. Schleicher & C. Trippe (Ed.), «Krieg der Narrative: Russland, die Ukraine und der Westen». Berlin, Boston: De Gruyter. S. 249-262 https://doi.org/10.1515/9783111331508-018

 

Prinzing, Marlis (2022): «Bilder vom Krieg: Die Grenzen des Zumutbaren». https://medienwoche.ch/2022/03/16/bilder-vom-krieg-die-grenzen-des-zumutbaren/ Letzter Zugriff 01.11.2025

 

Ricœur, Paul (2005): «Erinnerung und Vergessen» (1999). In: «Vom Text zur Person. Hermeneutische Aufsätze (1970-1999)». Hamburg, Felix Meiner Verlag. S. 295-315

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