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Eigenständiges künstlerisches Schaffen

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Sumy
künstlierisch-biografische Arbeit (2013)

In der künstlerischen Arbeit "Sumy" widme ich mein besonderes Interesse dem Prinzip der Vieldeutigkeit als spannungserzeugendes Element zwischen sprachlichen, bildlichen oder gegenständlichen Kulturobjektivationen, was die Betrachtenden motivieren soll, durch die Bildinterpretation nach Lösungsvarianten zu suchen.

In der anschliessenden theoretischen Auseinandersetzung mit dem eigenen künstlerischen Prozess "Archive des Erinnerns. Einfluss des Gedächtnisses auf die Werkbetrachtung und -interpretation" werden Erkenntnisse zum Einfluss der Elemente Bild, Schrift und Sprache auf die Speicherung der Erinnerungen gewonnen. Der Schwerpunkt der Untersuchung wird auf die kommunikative Stärke der Sprache dem Bild und Text gegenüber, die Wirkung des sprachlichen Akzents im Kontext der visuell-sprachlichen medialen Konstruktion, das Vorhandensein der Erfahrungen unterschiedlicher Interessengruppen für die Bildentschlüsselung sowie die objektgeübte Wahrnehmung der Betrachtenden unterschiedlicher konjunktiver Erfahrungsräume gelegt.

Unterschiedliche Arbeiten

Metaphorisch liesse sich die Welt als eine grosse, gemeinschaftlich geteilte Holz- und Keramikwerkstatt begreifen. Ungeübt tritt man in ihre Räume ein und lernt allmählich deren Ordnungen, Abläufe und Verfahren kennen. Die Materialien mit ihren unterschiedlichen Oberflächen, Eigenschaften und Gerüchen eröffnen sinnliche Erfahrungen, die sich tief im Gedächtnis verankern. Beim Formen eines Gefässes aus Ton und Wasser durch die sanfte Berührung geschickter, geübter Hände erhält der Gegenstand nicht nur einen zerbrechlichen Körper, sondern gleichsam eine verletzliche Seele – ein Schöpfungsakt, der sich bereits im Lernprozess des Tastens und Formens sinnlich erfahrbar macht. Untrennbar begleitet dieses, wie jedes andere künstlerische Tun, die Tätigkeit des Betrachtens, die den Blick für Mass, Rhythmus und Schönheit schärft.

In der Holzwerkstatt, begleitet von den harzigen, sinnesanregenden Gerüchen der Hölzer, wird die Ordnung der Dinge erlernt. Die Bewegung im Raum ist zunächst von Unsicherheit und Unkenntnis geprägt; doch mit dem allmählichen sinnlichen wie kognitiven Begreifen und Inkorporieren der Strukturen wandelt sie sich zu einem intuitiven Agieren, das der aristotelischen Vorstellung des nous als intuitiver Vernunft nahekommt. Erst diese verinnerlichte Ordnung macht einen Zustand möglich, in dem das Herstellen oder Schaffen zu einem hochkonzentrierten Prozess wird, zugleich körperlich getragen und geistig durchdrungen.

Imaginierte Landschaften (2025)

Texte aus MAS-Abschlussarbeit "Zur Relevanz der Mensch-Natur-Beziehung. Ergänzungen zu einem relationsethischen Einsatz", 2024

"Im städtischen Umfeld [...] fehlen die geheimnisvollen Erlebnisse eines Nachthimmels voller leuchtender Sterne, die sich in der Dämmerung allmählich am Himmel ausbreiten. Nichts ist da ausser der spürbar aufsteigenden Erdwärme, gelegentlichen leichten Luftwirbeln und einem süsswürzigen Heugeruch. Plötzlich fühlt man sich als winziges Teil des riesigen Universums. Erst klein, dann ganz aufgelöst. Zeit und Raum hören in der Wahrnehmung auf, zu existieren. 

Nur das Kitzeln einer schlaflosen Ameise holt den verflüchtigten Körper kurz in die Gegenwart zurück und lässt ihn wieder berauscht zu den Sternen aufsteigen. Mit den ersten Sonnenstrahlen wacht die Natur wieder auf. Die Pflanzen betreiben wieder Photosynthese und die Insekten sind emsig unterwegs. Eine gewisse Selbstverständlichkeit stellt sich in den Abläufen ein und spiegelt die Zugehörigkeit des Menschen zu diesen Prozessen wider. [...]"

Aquarell auf Papier, 24 cm x 18 cm, Juli-August 2025

"Byung-Chun Han beschreibt den Zusammenhang zwischen der Erfahrung der Dauer und dem Gefühl des Gehetztseins folgendermassen: «Wo man ständig neu anfangen, sich für eine neue Option oder Version entscheiden muss, mag der Eindruck entstehen, das Leben beschleunige sich. In Wirklichkeit aber hat man es mit einer fehlenden Erfahrung der Dauer zu tun» (Han, 2010, 39) Die Annahme von Hartmut Rosa, «dass das Gefühl des Gehetztseins auf «Verpassungsangst» beruht», hält er für falsch (Han, 2010, 39 f.).

Das Gegenteil sei ihm zufolge der Fall: «Es ist nicht die Anzahl der Ereignisse, sondern die Erfahrung der Dauer, die das Leben erfüllter macht. Wo Ereignisse schnell aufeinanderfolgen, entsteht nichts Dauerndes. Erfüllung und Sinn lassen sich nicht mengenorientiert begründen.» (Han, 2010, 40) «Auch der Eindruck, die Zeit vergehe wesentlich schneller als früher, entspringt dem Umstand, dass man heute nicht zu verweilen vermag, dass die Erfahrung der Dauer so selten geworden ist.» (Han, 2010, 39)"

Aquarell auf Papier, 24 cm x 18 cm, September 2025

"Um sich zu verständigen und voneinander zu lernen, stehen den Menschen verbale und non-verbale Verständigungsmöglichkeiten zur Verfügung. Eine Sprache stellt ein komplexes semiotisches System dar, bestehend aus lautmalerischen oder gestenbezogenen, aneinandergereihten und untereinander kombinierbaren Bausteinen aus Zeichen. Die auditive Kommunikation durch verschiedene Laute wird bei einer akustisch erreichbaren räumlichen Distanz und im digitalen Raum eingesetzt.

Die verschiedenen Sprachen haben in ihrem Vokabular Wörter entwickelt, die aus den ortsspezifischen Klängen und Naturphänomenen entstanden sind. Sie spiegeln die räumlichen Gegebenheiten und Dimensionen sowie die Topografie des Ortes ebenso wider wie die Stimmen und Eigenschaften der lokalen Lebewesen mit ihren spezifischen Erscheinungsmerkmalen und charakteristischen Bewegungsmustern."

Aquarell auf Papier, 24 cm x 18 cm, Oktober 2025

"Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften weisen eindeutig darauf hin, dass das Leben auf der Erde durch ein enges Zusammenwirken aller Lebewesen, Lebensformen und Naturphänomene gekennzeichnet ist und durch dieses Zusammenwirken überhaupt erst ermöglicht wird. Ein Beispiel für komplexe Ökosysteme, die aus solchen Wechselwirkungen entstanden sind, stellen Moore und Schwarzerden dar. Intakte Moore können durch ihre Wasserspeicherkapazität den Landschaftswasserhaushalt regulieren und sind bedeutende Kohlenstoffspeicher und Biodiversitätszentren.

Ungestörte Moorböden speichern zudem wichtige Informationen aus der Vergangenheit in Form von Schwermetallen und Pollen und dienen somit als Umweltarchiv (myclimate, 2024). Auch Schwarzerde erfüllt aufgrund ihres hohen Alters von 3.000 bis 7.000 Jahren v. Chr. eine wichtige Funktion als Archiv der Natur- und Kulturgeschichte. Sie besteht bis zu 40 % aus der organischen Substanz Black Carbon, deren hohe Konzentration mit Brandkulturen in jungsteinzeitlichen Siedlungskammern in Verbindung gebracht wird. Die Substanz wird zudem durch Einwaschung, Verlagerung und Biotrubation durch verschiedene Organismen, Lebewesen und Tiere in tiefere Bodenschichten eingearbeitet (Gehrt, 2005)."

Aquarell auf Papier, 24 cm x 18 cm, November 2025

"Jedes Mal, wenn wir atmen, essen oder trinken, tauschen wir Teilchen unseres Körpers gegen neue aus. Unser ganzes Leben lang verwenden wir Atome, die zuvor zu anderen Tieren, Pflanzen, Böden und Bakterien gehörten, und erneuern uns so ständig. Der Bauplan, der die Information enthält, bleibt jedoch konstant (Hossenfelder, 2023, 126 f.). Zu einer ähnlichen Erkenntnis kommt die Biologie auf der Ebene der Zellen. Etwa alle zwanzig Jahre bauen wir uns aus verschmolzenen und mutierten symbiotischen Bakterien neu auf. Unser Körper wird aus Geschlechtszellen gebildet, Protoctisten, die sich durch Mitose klonen (Margulis, 2021, 130).

Auch die Physik legt Zeugnis ab von gewissen Analogien zwischen der Struktur des Universums und dem menschlichen Gehirn, weshalb eine Verbindung zwischen dem menschlichen Körper und dem Universum angenommen wird. Die moderne Physik erlaubt die Berechnung des Zustandes des Universums zu einem definierten anderen Zeitpunkt, Millionen Jahre in die Vergangenheit zurück oder auch in die Zukunft. [...] (Hossenfelder, 2023, 47 ff.)."

Literaturverzeichnis

Han, Byung-Chul (2009): «Duft der Zeit. Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens» 12. Auflage 2015, Transcript Verlag, Bielefeld.

Gehrt, Ernst (2005): «11/05: Hildesheimer Schwarzerde» Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe BGR, https://www.bgr.bund.de/DE/BGR/Wissenschaftliche-Infrastruktur/Geologie-Bohrungen/Sammlungen/Objekt_Quartal/1105_schwarzerde.html?nn=336012#doc736960bodyText1

Letzter Zugriff: 10.01.2026

Hossenfield, Sabine (2023): «Mehr als nur Atome. Was die Physik über die Welt und das Leben verrät» Siedler Verlag, München. S. 47-70.

 

Margulis, Lynn (2018): «Der symbiotische Planet oder wie die Evolution werklich verlief» übers. von Sebastian Vogel. Westend Verlag, Frankfurt/M.

Myclimate Stiftung (2024): «Renaturierung von Schweizer Mooren» https://www.myclimate.org/de-ch/aktiv-werden/klimaschutzprojekte/renaturierung-von-schweizer-mooren/ Letzter Zugriff: 07.10.2024

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